Über den Wiederaufbau

Ludwig Stehle (Zeitzeuge) v. 1948 bis 1955 in Büchelberg - 28.01.1990

Es ist eine traurige Erinnerung und gedanklich schwer nachzuvollziehen, wie es in den ersten Nachkriegsjahren in dem zu 90% zerstörten Büchelberg ausgesehen hat. Das trostlose Allgemeinbild, als fast alle Familien in den zu Notunterkünften ausgebauten Kellerräumen, Scheunen und Schuppen oder in Baracken untergebracht waren, ist noch heute wie damals in mir lebendig.

Das eigene menschliche Gefühl, in dieser Zeit völliger Ohnmacht die vielen Bitten Ihrer Bürger um Verbesserung ihre Lebensverhältnisse, auch bei bestem Willen nicht erfüllen zu können, wurde für mich von Tag zu Tag immer mehr zur Qual. So stand† beispielsweise das geringe vom damaligen französischen Gouvernement Germersheim zugeteilte Kontingent an Baumaterialien in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Bedarf. Die Akten des Büchelberger Archivs sind wohl ein beredter Beweis dafür.

Doch Büchelberg hat es in symbolischer ‹bereinstimmung mit den fleißigen Bienen im Gemeindewappen aus eigener kraft geschafft. Seine Bürgermeister, vor allem Herr Nicola, mit dem ich jahrelang lojal zusammengearbeitet habe, haben es mit Unterstützung des Gemeinderates an Initiativen im Wiederaufbau nicht fehlen lassen. Innerhalb einer verhältnismäßig kurzen Zeitspanne wurden eine Reihe öffentlicher Einrichtungen der allgemeinen Daseinsvorsorge verwaltungsmäßig und finanziell durchgezogen: Kanalisation, Wasserversorgung mit Hochbehälter, Straßenbau, Waldrodung zu Ackerland, Schulgebäude, Rathaus, sowie die Tabakberegnungsanlage in der Ludwigshuld, um die wichtigsten zu nennen. Etwas geradezu Erst- und Einmaliges war die Installation der Wildsauanlage in Form von elektrisch betriebenen Alarmgeräten auf dem Feld, die damals in vielen Medien, auch im Rundfunk, Schlagzeilen machte.

Wenn man all diese Leistungen und Erfolge aus jener Zeit Revue passieren läßt, bleibt nur Bewunderung übrig. Vor mir liegt die Kopie eines Schreibens, in dem u.a. der zukunftsbezogene Satz zu lesen steht: " Was Büchelberg in den 10 Nachkriegs- und Wiederaufbaujahren bewältigt hat, verdient einmal für die nachkommende Generation in den goldenen Blättern ihrer Ortschronik niedergeschrieben zu werden." Es gibt auch andere für mich unauslöschbare Erinnerungen: Zu diesen zählt die Viehspende aus Bayern anno 1950, die menschlich begreifbar, bei den zum Zuge gekommenen Begünstigten Freude, bei den leer Ausgegangenen aber das Gegenteil auslöste. Ich vergesse nicht, daß in einem Westwallbunker am Ortseingang ein alleinstehender Bürger namens Niederer Jahrelang hauste, der sich vielleicht darin als anspruchsloser Mann zufrieden fühlte; der auch dann nicht diese Unterkunft aufgab, als ihm die Gemeinde einen menschenwurdigen Wohnraum anbot.

Daß die Büchelberger nicht nur eigenständig, fleißig und stolz waren, sondern auch ihre Volksseele mit dem praktischen Leben verbanden, durfte ich in einer persönlichen Beobachtung erfahren. Als nämlich ein Hausbesitzer als erster in der Straße seinem Anwesen einen Verputz mit Anstrich gab, sagte mir ein Büchelberger, "jetzt machen die anderen in der ganze Straße nach"; diese Prophezeiung hat sich bewahrheitet. Neben den überwiegend ernsten Erlebnissen kann ich auch mit einer lustigen Anekdote aufwerten. Das erste provisorische Amtszimmer war in einem Schlafzimmer der Wohnung des Bürgermeisters Masset untergebracht. Nicht nur, daß wir bei Kerzenlicht arbeiteten, zeitweise kein Papier hatten und lange ohne Schreibmaschine waren, daran haben wir uns gewöhnt. Diesen Büroraum teilten wir, mein damals noch junger Kollege Herbert Eckert und ich mit der alten Mutter Masset, deren hohes Bett in der Ecke stand.

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