Hitlerzeit in Büchelberg

30.01.1933 Machtergreifung
01.08.1939 Beginn 2. Weltkrieg
01.05.1945 Kapitulation

Schon der römische Geschichtsschreiber Livius Titus (59 v.Chr. 17 n.Chr.) sagt:

"Kein großer Staat kann in Ruhe leben. Hat er außen keinen Feind, so findet er ihn im Inneren!"

Die Nationalsozialisten nutzten Not, Arbeitslosigkeit und Verbitterung des deutschen Volkes aus, ihrer ideologischen Bewegung", die mit verlockenden Versprechungen agierten, zum Sieg zu verhelfen. Bei ersten Wahlen waren die veröffentlichten Ergebnisse sehr zweifelhaft, was von aufmerksamen Bürgern auch ausgesprochen wurde, "damals noch". Zwei Beispiele: Bei der Volksbefragung am 12.11.1933 sollen 95,4% und bei der Reichstagswahl am 29.03.1936 sogar 99,8% für die Hitler-Partei gestimmt haben. So begann vielversprechend "das Dritte Reich".
Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft, Vollbeschäftigung, gesichertes Einkommen, straffes Ordnungsgefüge, zufriedenstellender Wohlstand der Bevölkerung wurde erreicht. Von Anfang an waren extreme politische Bestrebungen zu spüren. Viele Angebote kultureller Art, wie Sport, Musik, Urlaubslager, politische Schulung besonders für die Jugend, hielt die Begeisterung wach. Hier noch ein Beispiel, das die Menschen begeisterte: Bei Geburten wurden Kassensparbücher vom Gauleiter persönlich überreicht. Beispiel: "Kriegsweihnacht 1942 - ausgestellt in Neustadt a.d.Weinstraße mit einer Einlage von 50,00 Reichsmark".
In Ungnade fielen von Anfang an die Kirchen, weil man von kirchlicher Seite aus vorsichtig beobachtete und mahnte. Die damaligen Machthaber wollten christliche Werte durch germanisches Kulturgut ersetzen (ähnlich geschehen in der ehemaligen DDR etwa die "Jugendweihe").
Hier ein Erlebnis von Frau Niederer erzählt: "Am 1. Mai 1942 wurde ich als a.p. Lehrer nach Lothringen, an die einklassige Volksschule Sorbach/ Landkreis Metz verpflichtet. Mein erster Schultag, der 2. Mai, dürfte ein Samstag gewesen sein. Beim Betreten des einfachen Schulsaales fiel mein erster Blick auf die Stirnseite des Raumes. Da die Wände vom Kohlenfeuer des vergangenen Winters stark geschwärzt waren, konnte man die Umrisse eines erst kurz zuvor entfernten Kreuzes deutlich sehen. Ein Lehrerwechsel war sicherlich eine günstige Gelegenheit das nicht gewünschte Zeichen zu entfernen. Nach Wochen haben drei meiner Lothringer Schüler der 8. Klasse mir geholfen, im Schulhaus Ordnung zu schaffen. Auf dem Speicher unter Schutt und Altpapier entdeckten wir das Kreuz. Erregt rief einer der Jungen: Fräulein, das ist unser Kreuz! Der Gipskorpus war zerschlagen. wir reinigten das Holzkreuz, die Gipsteile mußten wir beseitigen. Ich hing das einfache Kreuz an seinen alten Platz, der Nagel war noch in der Wand. Die Schüler sollten es nicht tun, damit bei einem eventuellen Nachspiel ich allein die Verantwortung übernehmen konnte. Ich war ja reichsdeutsch, die Lothringer dagegen wurden bespitzelt. Wir waren über unser Tun zufrieden und versprachen gegenseitiges Schweigen. Noch nicht einmal die Eltern sollten davon wissen, das war damals sehr wichtig. Die übrigen Schüler beachteten den Zwischenfall überhaupt nicht. Wer das Kreuz entfernt hatte, erfuhren wir nie. Ein Dorfbewohner war es wohl kaum, vielleicht ein Kreisbeauftragter der NSDAP oder der SS aus Metz oder Pelters. Uns war das unbedeutend."
Einer kinderreichen Frau hat man das Mutterkreuz ins Haus gebracht. Sie sollte es im Rathaus abholen, doch sie kam nicht mit der Begründung, sie hätte nur ihre Arbeitskleidung. Natürlich wußte man von amtswegen, daß die politische Einstellung der Grund war. Kaum waren die Überbringer gegangen, vernichtete die Frau mit einer Axt in der Scheune "das Ehrenzeichen".
Ein anderes Beispiel aus dieser glorreichen Zeit. In Büchelberg war es Sitte, daß man in den Monaten Mai und Oktober zur Ehre Mariens Blumen in die Kirche brachte. Eine Frau hatte in Kandel etwas erledigt und kaufte dann noch für den Josephsaltar, es war im März, einen Blumenstock. Sie brachte die Blumen gleich nach ihrer Rückkehr in die Kirche. Bei einer späteren Vernehmung in Landau wurde ihr dieses Tun vorgeworfen. Also waren Spitzel im Dorf. Man wußte allgemein davon. Die bekannten Nazigegner wurden als Fanatiker der Kirche bezeichnet.
Hier eine Begebenheit mit schlimmen Folgen. Die Ordensschwestern hier mußten ihre Arbeit aufgeben und wurden privat untergebracht. Viel Streit gab es durch die Nachfolgerin im Kindergarten (den NS- Kindergarten). Die junge Frau hieß Loni und war im Saargebiet beheimatet. Wie es zum Teil heute noch ist, waren damals die jungen Burschen am Abend oft bis spät in die Nacht "uff de Gass" am Kirchplatz unter den Kastanien am Brunnen. Sie wußten über alle Vorkommnisse im Dorf bescheid. Das war immer so und nichts außergewöhnliches. Also wußten sie auch, daß die Kindergärtnerin Abwechslung suchte und fand mit Artgenossen der Partei, vielleicht nicht einmal aus dem Dorf. Die Burschen bezogen ihren Beobachtungsposten auf einem Baum, neugierig jugendlich frech dachten sie nicht an eventuelle Folgen ihres Tuns. Durch Schreien, Gröhlen, Lachen machten sie sich bemerkbar. Nun war die Hölle los. Die "braunen Männer" versuchten die jungen Büchelberger zu fassen. Die waren flink, aber erkannt. Also konnte man von Partei und Polizei aus handeln. In drei Familien (B., K., N.) war ein Besuch von amtlicher Seite aus fällig. Die Eltern, besonders die Frauen, stellten sich schützend vor ihre Jungen; die waren ja vom Elternhaus antinazistisch geprägt und streng religiös erzogen, was großen Unwillen der Nazis hervorrief. Also: Besuch, Gespräch, vielleicht Streitgespräch? Die Eltern ließen sich (statt der Übeltäter ) nach Landau mitnehmen. Dort fanden sie einen gnädigen Richter (der Name wäre heute noch interressant, ist aber unbekannt), der nur Mitläufer seines Berufes wegen war, also kein Nazi. Die Mütter, ich spreche von zweien, durften ihrer Familie wegen nach einem Tag zurückkehren, während die Väter, die sich weniger aggressiv den Machthabern gegenüber benommen haben, wurden etwa nach einer Woche mit Drohungen und Belehrungen heimgeschickt. Ein Mann (Eckart, Martin) war in Berlin eingesessen, und eine Frau in Frankenthal.

Wiederholt hat man Mütter aufgefordert, ihre Kleinkinder in den NS-Kindergarten zu schicken, doch bei vielen vergeblich. Von der zweiten Gruppe der Hitleranhänger hatte man nichts zu fürchten. Sie bangten oft mit den "Verfolgten". Zu ihrer Rechtfertigung sei gesagt: Es war manchmal gut, daß es sie gab. Beispiel: der Richter in Landau. Sie konnten warnen und helfen. Schlimm war, daß man staatliche Beamte wie Lehrer, Förster, Polizisten in diese verrufene schwarze Nester setzte, die sich für die Hitlersache voll einsetzten. Aber trotzdem blieben die meisten Büchelberger ihrer Einstellung, ihrem Glauben, treu. Ihr Pfarrer Giel, ein großer Beter, tat sein möglichstes dazu. Wie in vielen Fällen war der Beginn des Krieges gut; die politischen Säuberungen waren zunächst einmal gestoppt. Man wollte nach glorreichem Sieg mit eisernem Besen kehren. Ein großes Aufräumen sollte die erste Friedensarbeit sein. Aber das waren nur Illusionen.

Zwölf Jahre haben Weltgeschichte geschrieben und unglaubliche Spuren hinterlassen, auch in Büchelberg. Auch hier wurden Menschen getäuscht und irregeführt. Auch hier gab es organisierte Anhänger, die meist nach Kandel orientiert waren: NSDAP, SA, BDM, Frauenschaft. Zu ihrer Verteidigung aber sei gesagt: Das Neue wie Aufmärsche, Zusammenkünfte, Gruppenstunden mit Sport, Spiel und Singen sowie Tanz - war gerade für Menschen, besonders für junge Menschen in Büchelberg in der Abgeschiedenheit verlockend. Vielleicht wären es noch mehr gewesen, wenn nicht der Glaube so stark verwurzelt gewesen wäre und wenn vor allem unsere Pfarrer geschwiegen hätten. Dem war aber nicht so.

"Ich meine, hier über den Widerstand der Kirche gegen Hitler etwas sagen zu müssen, weil heute oft Vorwürfe laut werden: die Kirche hätte geschwiegen, sie hätte zu wenig getan. Das stimmt nicht. Ich selbst habe diese Zeit als Studentin erlebt. Auch in kleinen Kreisen war man nicht gleichgültig oder feige. Schon allein die Tatsache, daß wir als "Nicht-Hitler"abgestempelt waren und auf manchen Vorteil verzichten mußten, wenn auch mit Zorn und Wut manchmal sehr neidisch den anderen gegenüber, ist doch ein Gegenbeweis. Man konnte eine nicht greifbare Gegnerschaft durchstehen nur durch Leistungen, korrektes Verhalten, Freundlichkeit, Gutsein allen gegenüber und vielem mehr. Nun aber zurück nach Büchelberg. Ich glaube, es gab auch hier in dieser Zeit drei Gruppen:
1. Die begeisterten Anhänger - Sie zeigten offen durch Hitlergruß mit überheblichem Handzeichen und Lautstärke sowie Tragen von Uniformen und Abzeichen ihre Verehrung für die Person Hitler. Im Gespräch erkannte man festen Glauben an ihn, an eine neue Welt, an seine Versprechungen am Sieg des Krieges und mehr.
2. Die äußeren Anhänger, sie waren nicht überzeugt, aber sie suchten berufliche Vorteile.
3. Die bekannten Gegner.

< zurück